Was kann die Psychologische Astrologie leisten?

Vortrag von Gabriele Rademacher anlässlich des Tages der offenen Tür im Februar 2003 in der Astrologie Praxis in Reppenstedt (ca. 20 Minuten).


"Ich werde im Vortrag versuchen eine Vorstellung davon zu vermitteln, was die moderne Psychologische Astrologie leisten kann und auch, wo ihre Grenzen liegen.

Zeitungs-Horoskope

Mit Astrologie verbindet man gemeinhin die Horoskopie, wie wir sie in der Tagespresse vorfinden. Auch wenn ich jetzt den einen oder anderen enttäusche, was da veröffentlicht wird, hat wirklich keinerlei Aussagewert in Bezug auf einen Menschen und schon gar nicht in Bezug auf seine Zukunft. Selbst die etwas ausführlicheren, die pünktlich zur Jahreswende die Frauenzeitschriften füllen, sind zugegebenermaßen recht unterhaltsam - aber mehr auch nicht. Warum, fragt man sich dann, werden diese Unsinns-Horoskope veröffentlicht, wenn sie doch nicht stimmen?

Das liegt zum einen daran, dass wir Menschen von jeher das Bedürfnis haben, das Leben kalkulierbar zu machen, weil wir uns dann sicherer fühlen, zum anderen, dass Print- und andere Medien sich diesen Umstand zur Auflagensteigerung zu Nutze machen. Rechtfertigend sagt man dann in den Redaktionen, "der kritische, aufgeklärte Leser wissen doch, dass das alles Humbug sei". Das stimmt ja auch, soweit es den bewussten Verstand angeht, - nur dass wir, wie Sigmund Freud schon feststellte, zu mehr als 80% aus dem Unbewussten heraus agieren, wird nicht erwähnt - aber Auflagen steigernd mit einkalkuliert...

So, nun wissen Sie, warum permanent in den Zeitungen Unsinns-Horoskope und Unsinns-Astrologie produziert werden. An dieser Stelle sollte ich nun erklären, was ich denn hier für andere Horoskope mache. Was für eine andere Astrologie die Psychologische Astrologie ist und wozu sie uns dienen kann.

Senkrechte Weltsicht

Vorweg: Die astrologische Weltsicht ist eine senkrechte Weltsicht. Das heißt, was oben im Himmel geschieht, geschieht auch gleichzeitig unten auf der Erde. Der Schweizer Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung (1875-1961) prägte für "Gleichzeitigkeit" den Begriff "Synchronizität". Diese Synchronizität kann man sich bei schwer zu ergründenden komplexen Gebilden (z.B. die Psyche) oder Vorgängen (z.B. Krankheiten) zunutze machen. Denn diese haben ja immer auch ihre Spiegelung auf anderen synchronen Ebenen, die z.T. wesentlich einfacher lesbar sind, weil sie, wie das Himmelsbild, klare Strukturen haben oder weil man deren Symbole gut deuten kann.

Wir vollziehen solche Wechsel der synchronen Deutungsebenen täglich: Wenn wir wissen wollen, wie spät es ist, dann gucken wir auf das Ziffernblatt unserer Uhr und deuten diese Aussage. Unsere Tacho-Anzeige im Auto sagt uns, wie schnell wir fahren. Natürlich wissen wir, dass die Uhr die Zeit nicht erzeugt und dass der Tacho die Geschwindigkeit nicht verursacht. Und genauso wenig verursacht der Sternenhimmel das Geschehen auf der Erde. Es bestehen da keine kausalen Zusammenhänge. Himmel und Erde sind synchrone Bedeutungsebenen. Der Himmel spiegelt in symbolischer Form die momentane Zeitqualität wieder und der Zeichenkundige kann die Signatur dieser Symbole lesen.

Topographische Wanderkarte unserer Seelen-Landschaft

Die planetaren Konstellationen - die Tierkreiszeichen, Sonnen-Position, Mond-Position, Winkelverhältnisse zwischen Planeten etc. lassen sich als Symbole genauso lesen und übersetzen, wie eine topographische Wanderkarte vom Harz. Wer die Symbole auf der Wanderkarte nicht lesen kann, hat keinerlei Vorstellung von der dargestellten Region. Eine erfahrene Wanderin betrachtet die Karte und kann sich auf Grund der Farbschattierungen, der Höhenlinien, Waldform etc. eine ungefähre Vorstellung von der vorzufindenden Landschaft machen und sie wird sich, wenn sie dort ist, anhand der Karte gut orientieren können. So ähnlich verhält sich das mit der Topographie unserer Seele. Diese entspricht der Zeitqualität unseres Geburtsmoments. Das Horoskop gibt das Himmelsbild wieder, das in dem Augenblick, in dem unser Erdendasein begann, zu sehen war.

Das Horoskop als Regieanweisung

Unsere Seelen-Landkarte, das Geburts-Horoskop, bedient sich anderer Symbole als die Wanderkarte. Hier sind keine Hügel und Bäche angedeutet, sondern Seelenanteile, wie sie in den Mythologien der Völker in Form von archetypischen Figuren seit jeher beschrieben wurden. Die Mythen beschreiben seelisches Geschehen. Freud hat dies z.B. aufgegriffen, als er vom "Ödipus-Komplex" sprach. Anhand der griechischen Ödipus-Mythologie beschrieb er einen psychischen Konflikt, wie er in der Adoleszenz auftritt. Freuds Schüler, C.G. Jung hat später den Begriff "Archetyp" formuliert und meinte damit innerseelische Anteile, die die Motivation für bestimmte psychische Funktionen liefern.

Jeder Mensch hat einen innerseelischen Wesensanteil, der für die psychische Funktion der Durchsetzung von Eigeninteressen zuständig ist. In der Mythologie wird dieser Teil durch den Kriegsgott Mars/Ares/Tyr etc. personifiziert. Schon wenn wir hören, dass dieser Wesensanteil in Analogie zum römischen Kriegsgott Mars steht, assoziieren wir bestimmte Vorstellungen über diesen archetypischen Aspekt der menschlichen Seele. Wir alle kennen diesen Archetyp aus Geschichten und Märchen. In Filmen und vor allem im Sport erschaffen wir uns diesen Archetypen (und ebenso das übrige Seelen-Ensemble) immer wieder neu. Ob sie nun Rambo oder Spiderman heißen, Schuhmacher oder Klitschko, ob sie im Mittelfeld spielen oder uns von hinten mit der Lichthupe zu dicht auffahren, ich denke, wir alle wissen, wovon ich spreche. Und so vielfältig wie dieser Krieger auf den äußeren Lebens-Bühnen in Erscheinung tritt, so facettenreich drückt sich dieser Seelenanteil in jedem von uns aus. Die Regieanweisung, nach der unser Mars agiert - oder auch nicht, ist unser Geburts-Horoskop. Es beschreibt die Art und Weise, wie wir unsere Eigeninteressen durchsetzen - oder daran gehindert werden.

Also, was kann die Psychologische Astrologie leisten?


Hier haben wir eine erste Antwort auf unsere Ausgangsfrage. Mit Hilfe der Psychologischen Astrologie kann man die unbewussten psychischen Motivationen, ausgedrückt in den Archetypen, sichtbar machen. Diese Wesensanteile stehen in der Regel nicht isoliert in der Seelenlandschaft herum, sondern sie stehen gleich Schauspielern auf der Theaterbühne in unterschiedlichsten Interaktionen. Aufgrund dieses Umstands hat die Menschheit überhaupt erst das Theater-Spiel erfunden. Wie in der Mythologie wird unsichtbares inneres Geschehen auf eine äußere Bühne gebracht. Und so, wie auf der Theater-Bühne die einzelnen Akteure sich in Dramen verstricken, so entwickeln auch unsere inneren Akteure ihre ganz spezielle Eigendynamik, die im Geburts-Horoskop in ihrer Grundstruktur ersichtlich ist.

Also, ein psychologisch gedeutetes Geburtshoroskop gibt uns Aufschluss über unsere psychischen Dispositionen. Das sind die Erwartungshaltungen in Bezug auf die Erfahrungen, die wir in den unterschiedlichen Lebensbereichen machen werden. Ein Geburtshoroskop kann uns z.B. zeigen, wo wir Krisen kreieren und auch, welche Erfahrungen wir dadurch unbewußt provozieren. Das ist vor allem dann hilfreich, wenn bestimmte Störungen immer wieder auftauchen. Wo in schwierigen Erlebnissen oft kein Sinn zu ergründen ist oder in lästigen Querelen mit den lieben Mitmenschen kein "roter Faden" ersichtlich ist, da kann man ihn auf der Ebene des Geburtshoroskops mit großer Wahrscheinlichkeit aufspüren. Es sind diese roten Fäden, die aus den Verstrickungen des Labyrinths - ein mythologisches Bild für die Seele - heraushelfen.

Wie oben so unten - von der "Seelen-Physik"

Aber damit sind die Möglichkeiten gerade erst angedeutet. Richtig spannend wird es erst, wenn man davon ausgeht, dass das senkrechte Ebenen-Model, wie ich es eingangs erläutert hatte (Wie oben, so unten), sich auch auf den Menschen übertragen lässt: Seelische Ebene, psychische/emotionale Ebene, mentale Ebene, körperliche Ebene, äußere Ebene. Diese Ebenen sind synchron und auf diesen Ebenen leben wir unsere im Horoskop angedeuteten seelischen Gehalte.

In der Psychologischen Astrologie haben wir ein Ebenen-Model mit absteigender Energie. Das heißt, um so weniger Energie einem seelischen Prozess in der oberste Ebene zugeführt wird, um so weiter sinkt er herunter, bis er sich schließlich auf der materiellen Ebene durch den Körper oder durch die umgebende Welt ausdrückt.

Eine (konstruierte) Beispielgeschichte: Der innere Seelen-Krieger "Ich-will..!!" passt nicht ins unbewußte Selbstkonzept der Friedensaktivistin Hilde Zart. Der Wesensanteil ist da, - er kann sich nicht auflösen. Nichts verschwindet im Kosmos, das wissen wir schon aus dem Physikunterricht - es verändert nur seinen Aggregatzustand: vom gasförmigen, zum flüssigen zum festen. Der aus gebremste innere Krieger "Ich-will..!!" verwandelt sich nun auf der emotionalen Ebene in Wut. Wut passt aber auch nicht ins "Ich-bin-so-nett"-Konzept von Hilde Zart. So wird auch diese unangenehme Emotion unterdrückt, was natürlich von der Denk- und Argumentationszentrale für das aktuelle Selbstkonzept auf der mentalen Ebene unterstützt wird. Die Energie muß sich nun eine Etage tiefer im Körper ausagieren. Hier könnte früher oder später z.B. eine Gastritis (Magenschleimhautentzündung) sodbrennend toben (alles was in der medizinischen Terminologie mit "-itis" endet heißt "Entzündung" und hat somit Mars-Signatur). Entweder verliert Hilde nun vor Schmerz ihre Selbstkontrolle und reagiert (endlich!) ge reizt . Vielleicht "helfen" aber auch Medikamente dies zu verhindern und damit weiter nach unten zu verschieben, - es kann ja nicht weg! Die Sache eskaliert in einem blutigen Showdown: Mars ist nach draußen geglitten und erscheint nun als ein mit dem Skalpell bewaffneter Chirurg, der der (vor unterdrückter Wut) zerfressenen Magenschleimhaut zuleibe rückt.
Eine erlöste Variante der selben Geschichte wäre: Hilde akzeptiert ihre stürmischen Wesensanteile und agiert sie auf der sportlichen Ebene aus: Sie wird Stürmerin einer Damen-Handballgruppe. Ihre erwachte Power bringt sie nun im Führungsgremium der Friedensbewegung wirkungsvoll ein. Sie sagt und tut nun endlich, was sie will und nicht das, was sie denkt, was andere von ihr erwarten.

Warum Computer-Horoskope wenig bringen

Ein Horoskopdeutung ohne den dazu gehörigen Menschen ist eine rein theoretische Angelegenheit. Wenn ich, wie bei Hilde Zart, die Möglichkeit eines Mars-Problems sehe, weiß ich dennoch nicht, ob sie es tatsächlich hat. Zwar kann ich bei bestimmten Konstellationen (über die klar angezeigte dazugehörige Psychodynamik vor dem Hintergrund unsere gesellschaftlichen Rollenerwartungen etc.) von bestimmten Lebensproblemen ausgehen aber sicher kann ich mir dessen nie sein. Deshalb ist eine effektive Horoskop-Analyse meist nur mit dem BetreffendenMenschen im Dialog zu erstellen. Das Baukastensystem einer astrologischen Computer-Datenbank stößt da an seine Grenzen, wo es individuell wird und wo ein vorprogrammiertes Raster die Komplexität einer Persönlichkeit mit seinen unzähligen Lebensmodellen nicht mehr erfassen kann. Zu dem kann ein Computer nur das ausspucken, was vorher eingegeben wurde. Er kann addieren aber nicht kombinieren und interpretieren. So fehlen ihm die essenziellen Fähigkeiten für eine Horoskopdeutung gänzlich.

Können Astrologen die Zukunft sehen?

Zu Zeiten von Nostradamus hatten Astrologen es einfacher: der Mensch war durch seine Geburt, durch seine Geschlechts- und Schichtzugehörigkeit in seiner Lebensrolle für immer festgelegt. Der Rahmen der individuellen Möglichkeiten war durch die Dogmen der Religion auf das Engste eingeschränkt. Ja, es war noch krasser: bis ins Aufkeimen des Humanismus gab es so etwas wie ein Individuum überhaupt nicht! Der Einzelne zählte nur als Teil eines Kollektivs und war diesem immer untergeordnet. Deswegen waren ereignisbezogene Zukunftsvoraussagen auch möglich: Der Einzelne hatte bei bestimmten Dispositionen keine Wahlmöglichkeiten innerhalb seines engen Verhaltens- und Entscheidungsspielraums. Da der Vorhersager in der Regel die Lebenswelt des Horoskopierten kannte, konnte er sich dessen mögliche Zukunft an ein bis zwei Fingern abzählen (- was aber schon bei Keplers Vorhersagen für die Zukunft Wallensteins, einem Menschen, der sich kaum unterordnete, gründlich daneben ging).

Dieser Sachverhalt sollte verdeutlichen, warum man in früheren Jahrhunderten konkrete Prognosen machen konnte - und es sich heute verbietet. Jede konkrete Ereignis-Prognose, die man einem Menschen gegenüber ausspricht, ist eine massive Manipulation. Was die Zukunft angeht, können wir immer nur von Möglichkeiten und seelischen Lernthemen sprechen, die sich zu bestimmten vorhersehbaren Zeiten mehr oder weniger stark aktualisieren. Es ist eine heikle Gradwanderung zwischen Suggestion auf der einen Seite und andererseits dem Lenken der Aufmerksamkeit des Klienten auf Möglichkeiten des eigenverantwortlichen Handels innerhalb eines bestimmten seelischen Prozesses. Auf welche Weise dieser Prozess dann vom Klienten ausagiert wird, sollte er dann mit der größtmöglichen Eigenkompetenz entscheiden können. Ein Psychologischer Astrologe kann durch den Blick in die 'Topographische Karte der Seele' bei der Orientierung helfen und sollte primär die Eigenkompetenz bei der Suche nach dem stimmigen Lebensweg unterstützen und fördern.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit."

© Gabriele Rademacher, Psychologische Astrologin und Psychotherapeutin HP.